Kritik an der Kritik: Eine andere Meinung zum Interview von Monica Lierhaus, Teil 1

Die rosarote Schere

Ich habe ihn durchaus hier auf Festplatte liegen, den obligatorischen »autobiografischen Roman«, der das Thema Behinderung zum Inhalt hat. Jos Leben heißt er und behandelt die Geschichte eines jungen Musikers, der seit seiner Kindheit im Rollstuhl sitzt und nach der Trennung von seiner Freundin in eine Lebens- und Schaffenskrise rutscht.

Ich habe mich seinerzeit an Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns orientiert und Jo bewusst von mir abgegrenzt. Jo ist der Musiker, der ich gern wäre, jedoch Gitarrist und nicht Bassist, und er ist auch kein Spastiker sondern hat eine nicht näher genannte Krankheit, durch die seine Beine gelähmt sind.
Geschrieben habe ich Jos Leben nicht, weil ich den Drang hatte, der Welt etwas sagen zu müssen über meine Befindlichkeiten. Der ganze Roman war eher eine Kopfgeburt. Er diente mir als Standortbestimmung, zum Aufräumen, durchaus auch zum Verarbeiten, war aber vor allem eine Reaktion auf Einflüsterungen aus meinem Umfeld, doch endlich mal etwas Seriöses, Anspruchsvolles, »Authentisches« zu schreiben.

Heute kann ich zwei Dinge sagen. Erstens: Als ich Jos Leben geschrieben habe, habe ich mich vielleicht zum ersten mal in meinem schriftstellerischen Leben intensiver mit der Frage beschäftigt: »Kann ich, darf ich das so schreiben oder ist das zu krass, zu verstörend? Könnte es Menschen verletzten?«

Zweitens: Es ist sehr verführerisch, als Betroffener über das Thema Behinderung zu schreiben. Menschen tendieren dazu, mir in dieser Hinsicht unbesehen Kompetenz und Glaubwürdigkeit zuzubilligen. Ich bekomme Zuspruch. Ich werde aufgefordert, doch tunlichst mehr in dieser Richtung zu schreiben. Wenn Aufmerksamkeit die Währung des Internetzeitalters ist, waren all meine bisherigen von der Subjektivität des persönlich Erlebten geprägten Beiträge zu diesem Themenkomplex die am besten bezahlten. Ich habe bessere, weil objektivere und rechercheintensivere Artikel geschrieben, vielleicht sogar gewitzte, definitiv aber solche, in die ich viel mehr Arbeit stecken musste.

Besser angekommen indes sind die persönlichen Geschichten, die wohl stets auch ein Stück weit als Leidens-Geschichten aufgefasst wurden, auch wenn ich sie selbst nicht so empfinde. Die Anerkennung dafür schmeichelt durchaus und ich bin dankbar für die positiven Rückmeldungen. Zugleich ist es aber auch befremdlich für einen Menschen, der bemüht ist, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Jos Leben liegt inzwischen 15 Jahre und mehr zurück. Die Frage, was ich überhaupt schreiben kann, darf und soll, habe ich seitdem für mich immer wieder beantwortet – meist damit, dass ich mir gesagt habe, ich schreibe was und wie ich will. In letzter Zeit beobachte ich an mir jedoch ein beunruhigendes Phänomen. Ich bin misstrauisch geworden, obwohl ich selbst noch nie einen Shitstorm erfahren habe. Bei mir macht sich schleichend eine Art vorauseilender Gehorsam breit. Und das finde ich alarmierend.

Ich frage mich, kann ich in einem Kontext mittelalterlicher Fantasy noch über die früher üblichen Zustände von Aberglaube, Willkür, Folter, bitterer Armut, Krankheit und Hunger schreiben? Dürfen meine Protagonisten aus den im Hier und Jetzt angesiedelten Geschichten rauchen? Saufen? Was Entspannendes rauchen? Sex haben?
Ich ertappe mich bei dem Reflex, Ecken und Kanten abzuschleifen, bis die Helden womöglich nur noch die romantisierte leichte Schulterwunde davontragen anstatt am Wundbrand im abgehackten Unterarmstumpf qualvoll zu Grunde zu gehen. Schreiben, das früher bei aller Arbeit und Anstrengung immer auch Lust und oft sogar Ekstase und Rausch gewesen ist, wird immer öfter zum frustrierenden Kampf. Ich will, aber ich habe das Gefühl, ich darf nicht. Ich habe eine Schere im Kopf und sie ist rosarot.

In Zeiten, da alles und jedes zur Kontroverse taugt, von der Tätowierung bis hin zu den Essgewohnheiten alles und jedes zum Umfrage- und damit zum Spalterthema gemacht wird, weil sich natürlich zwangsläufig nirgendwo ein einheitliches Bild der »Gesellschaft« ergibt, zugleich aber der Eindruck erweckt wird, als wären just Einförmigkeit und Konsens das einzig Erstrebenswerte, hört man irgendwann das Gras wachsen.

Ich frage mich, könnte ich meinen autobiografischen, meinen »authentischen« Roman Jos Leben heute noch herausbringen, ohne dafür in die Ecke gestellt zu werden? Immerhin beschreibe ich darin beispielsweise, wie traumatisch es für Jo als kleines Kind war, aus dem Bett zu fallen und nicht einfach wieder aufstehen zu können. Ich beschreibe, wie beschissen es ist, wenn einem der Rollstuhl unterm Arsch zusammenbricht und man sich danach erst mal durch die halbe Wohnung zum Telefon robben muss, um Hilfe zu holen. Ich schreibe über Vorurteile und schlichte Dummheit, die Jo entgegenschlagen. Ich schreibe, dass er Angst vor Nazis haben muss. Ich schreibe über groteske, peinliche und erniedrigende Behördenakte. Ich schreibe über seine Trauer, seine Wut, über Verzweiflung und Depression.

Nach allem, was ich in den letzten Tagen über den vermeintlichen »Bärendienst« gelesen habe, den die Journalistin Monica Lierhaus angeblich »Menschen mit Behinderung« erwiesen hat, komme ich zu dem Schluss: Nein, ich dürfte Jos Leben wohl nicht ungestraft veröffentlichen, selbst wenn ich es wollte. Ich müsste die Geschichte vermutlich mit der rosaroten Schere zurechtstutzen, bis alles Pilcher ist.

Und noch viel weniger dürfte ich wahrscheinlich über Behinderte schreiben, die mich tendenziell nerven. Zum Beispiel solche, die bei jeder Gelegenheit betonen, dass sie sich »gar nicht behindert fühlen«. Oder solche, die propagieren, dass »alles nur eine Frage der Einstellung« sei. Oder die sogenannten Aktivisten, die mit ihrem Bauchladen ständig in Talkshows sitzen, ihre Projekte aber tatsächlich nach Gutsherrenart führen. Denn machen wir uns mal nichts vor: Behindertenprominenz, das ist ein Kuchen, von dem nicht einfach jeder ein Stück abhaben kann.

Angesichts dessen fällt mir die Entscheidung leicht. Ich schreibe weiter, was und wie ich will. Denn jede Kante, die ich meinen Geschichten, meinen Themen und meinen Figuren abschleife, ist letztlich eine Kante, die ich mir abschleife.

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