Kurzgeschichte: Von den Freuden alter Männer

Alter Männer Freuden

»Die Albaner, die haben’s uns vorgemacht!«

Es gluckerte, als Uwe einen Schluck aus seinem Stubbi nahm. Der zweite montägliche Kasten mit dem Billigbier leerte sich zusehends.

»Das erzählst du nun schon seit zwanzsch Johrn!«, erwiderte Karl verärgert. Er saß auf einem abgewetzten Sessel neben Uwe und sah seinen alten Freund und Kollegen nicht einmal an dabei. Auf dem Couchtisch mit den gesprungenen Kacheln stand ein Ascher, in dem eine Selbstgedrehte qualmte. Karl hielt seinen Blick starr auf den Fernseher gerichtet. Gerade liefen die Nachrichten. Ein Mann mit Pelzmütze drängte sich vor die Kamera. »Ihr seid alle Lügner! Lügner!«, schrie er aufgebracht. Hinter ihm formierte sich eine Phalanx aus Leuten, die Schilder hoch hielten.

»Ausgerechnet Dresden!«, schmunzelte Otto, als er die Schilder sah. »Vierzig Jahre kein Westfunk und erzählen uns heute was von Lügenpresse!«
»Ich mochte die Kolleeschn aus Dräsdn!«, schmollte Uwe und nahm sich aus Protest noch ein Bier. Der Beitrag über die besorgten Spaziergänger war vorbei und Karl schaltete den Ton ab. Stumm flimmerten die Bilder vom Papst in Manila über den Bildschirm.

»Vor allem die Susann mochtest du!«, lachte Otto. Er konnte sich sicher sein, dass seine beiden Freude das selbe Bild vor Augen hatten wie er. Susann mit ihren immer sehr ausgefüllten Rollkragenpullovern. Gescheit war sie gewesen und jung. Jung genug jedenfalls, um noch mal davon zu kommen. Sie hatte einfach nicht die Zeit gehabt, in ihrem DDR-Berufsleben viel Belastendes zu machen – nicht so wie Uwe, Karl und er, die danach als Taxifahrer und Pförtner hatten arbeiten müssen. Und nun kamen auch noch all die Flüchtlinge und Asylanten und belasteten die Sozialkassen, in die Uwe, Karl und Otto nie wirklich etwas eingezahlt hatten.

»Wenn wir Nazis gewesen wären, hätten wir danach bestimmt als Beamte weiter arbeiten können!«, behauptete Uwe gern.
»Es kommt alles wieder!«, erwiderte Karl daraufhin immer. »Es kommt alles wieder!«, sagte er auch jetzt und deutete mit der qualmenden Selbstgedrehten zwischen den Fingern auf den Fernseher. Aber Uwe vermochte das nicht zu trösten.

»Wenn’s doch wahr ist, das mit den Albanern!«, hob er erneut an.
»Wieso hast du eigentlich keine Albanerin geheiratet, wenn du die doch so toll fandest?«, fragte Karl bissig.
»Die Albaner haben ihren Leuten gesagt, wir sperren euch nicht ein, wir sperren die anderen aus, weil, uns geht es so gut, dass alle anderen Länder neidisch sind auf uns!«, erzählte Uwe unbeirrt. »So hätten wir das auch mal machen sollen! Wir hätten es so einfach haben können!«
»Ich hab‘ dir schon hundert mal gesagt, der Vergleich hinkt!«, schimpfte Karl. »Die Albaner hatten kein West-Berlin auf ihrem Staatsgebiet, die waren kein geteiltes Land, wo Westfernsehen geguckt wurde und wo es Regelungen für Verwandtschaftsbesuche geben musste und so!«
»Albanien?«, lachte Otto. »Albanien am Arsch!«

»Aber guck sie dir doch an!« Uwe hob anklagend den Arm gegen wen auch immer. »Reisen und Bananen! Reisen und Bananen, das hätten wir unseren geben sollen, das hätte gereicht.«
»Seit zwanzig Jahren die selbe Leier!«, äffte Otto und verdrehte die Augen.
»Fünfundzwanzig!«, korrigierte Karl. »Hatten ja neulich erst Jubiläum.«

Schweigen legte sich über den Raum. Auf dem Bildschirm war die Wettervorhersage zu sehen.

»Wir haben das ganz falsch angefasst«, maulte Uwe schließlich.
»Wer – wir?«, fragte Karl gereizt.
»Na, nicht wir persönlich. Aber die Erichs«, fand Uwe.
»Die Erichs?« Karls Stimme wurde aus reiner Gewohnheit immer noch lauernd.
»Ja. Der Erich und der Erich. Beide!«, beharrte Uwe trotzig. Dann nuckelte er beruhigend an seinem Stubbi.
»Hättste dich früher auch nicht zu sagen getraut!«, fauchte Karl.
»Bestimmt nicht!«, lachte Otto.

Im Fernsehen hatte eine Doku über die Alpen begonnen. Karl sah angestrengt hin. Den Ton schaltete er nicht wieder ein. Um sich nicht weiteren Lügen auszusetzen, schaltete er trotzdem vorsichtshalber um, bis er einen Sender gefunden hatte, auf dem eine Krimiserie lief.

»Auch alles amerikanisch!«, sagte er. »Wo man auch hinguckt. Alles amerikanisch.«

Er schaltete den Fernseher nicht aus. Uwe nuckelte an seinem Bier, Karl zog heftig an seiner Selbstgedrehten. Otto ging mal austreten und besprenkelte sich dabei. Als er wiederkam, war Uwe zurück bei seinen Thesen aus einem Vierteljahrhundert deutsch-deutscher Einheit.

»Beschützer!«, sagte er gerade, als Otto wieder zum Sofa zurück schlurfte. Unterwegs nahm sich Otto noch ein Bier. Wie immer, wenn Uwe erregt oder betrunken war, sächselte er stark. Er sagte »Böschüdsööör«.

Otto kannte das schon. Dass sie hätten anders auftreten müssen. Als Beschützer. Angst war ein mächtiger Verbündeter, fand Uwe. Das hätten sie damals nicht erkannt. Und vielleicht hatte Uwe ja sogar recht. Otto selbst war allerdings der Meinung, sie hatten das ganz gut gemacht damals. Flink alle Viere von sich gestreckt, als die DDR pleite gewesen war und den Westen die Zeche zahlen lassen. Ein letzter ausgestreckter Mittelfinger im Versinken.

»Wenn wir damals gesagt hätten, wenn wir die Mauer aufmachen, dann kommen die ganzen Neescher oder Schlitzis, dann gäb’s uns’re DDR noch! Dann gäb’s die noch!«

Das war immer Uwes Finale furioso. Karl zappte, bis er irgendwo Fußball gefunden hatte. Dabei malträtierte er die Fernbedienung, als würde er mit den Fingern Kaugummi kauen.

»Heute wollen sie das! Zensur, Kameras, Überwachung, abgehörte Telefone, alles! Freiwillig!«

Der Punkt war erreicht, an dem Uwe endgültig die Welt nicht mehr verstand. »Heute würden sie uns feiern für das, was wir gemacht haben. Weil, heute wären wir nämlich die Böschüdsööör!«
»Ja«, sagte Otto und zitierte von der virtuellen Straße: »’Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten!’«

Er kicherte über die Ironie des Schicksals, an dem Uwe so schwer zu tragen hatte, und hoffte, dass sein alter Freund und Kollege nun schnell zum Ende kommen würde. Aber leider sagte Karl: »Du musst den Scheiß echt endlich mal hinter dir lassen. Vorbei ist vorbei. Wir hatten damals eben einfach kein Internet und keine Handys und kein Feeßbuck und wie das alles heißt.«

»Ja, aber genau das ist es doch!« Uwe klang jetzt wirklich verzweifelt, weil ihn niemand zu verstehen schien. »Dass die heute alle mit ihren Smartphones im Internet unterwegs sind« – er sagte »-phööns« und »underwäggs« – »und alle brav angeben, wo se sind und was se machen! Denen musst du ja nur sagen: ‚Hier, kannst du einen Gutschein gewinnen!‘, schon geben die dir ihre Adresse!«

Otto beschloss, dass er die Sache nur abkürzen konnte, wenn er Uwe übertrumpfte. Deshalb sagte er: »Ja, oder du sagst, dass irgendwo ein Mensch rumläuft und Kindern nachstellt. Oder Tiere quält. Dann suchen die den für dich. Egal, ob’s stimmt. Egal, was mit ihm passiert. Grundrechte am Arsch!«

Otto lachte. »Und ’nen Hund aus Bulgarien oder Rumänien nehmen sie aus Mitleid. Hunde ja, Menschen nein.«
Uwe stimmte nicht in das Gelächter ein. »Genau!«, pflichtete er Otto stattdessen sehr ernst bei. »Hunde nehmen einem ja nichts weg. Wir hätten es damals echt so einfach haben können!«

»Hatten wir aber nicht!«, schnaubte Karl und schaltete den Fernseher auf laut, um sich danach ganz auf den Fußballkommentar zu konzentrieren. Otto lehnte sich zufrieden zurück und liebkoste gedankenverloren den Stubbi in seinem Schoß.

»Hast ja recht, Chef!«, rief er gut gelaunt. »Komm, schalt mal um, ob irgendwo Titten gibt.«

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