Kurzgeschichte: Die Rakete im Garten

Die Rakete im Garten

Die Frau von der Wohnungsbaugesellschaft stapfte so schnell an der rückwärtigen Seite des frisch sanierten Gründerzeit-Gebäudezugs entlang, dass Kowalski alle Mühe hatte, mit ihr mitzuhalten. Es war ein heißer Tag und Kowalski freute sich schon auf Himmelfahrt, wenn er mit seinen Kumpels endlich mal wieder gepflegt die Sau raus lassen konnte. Aber noch war Arbeit angesagt. Deshalb stiefelte er also neben dieser hektischen, angespannten Frau her an lauter Gartenparzellen von exakt gleicher Größe vorbei. Irgendwo grillte jemand und die Schuhe der Frau klapperten laut auf dem schnurgeraden Weg aus Steinplatten. Das übertönte wenigstens Kowalskis kurzatmiges Schnaufen.

Den Stein des Anstoßes hatte Kowalski natürlich schon längst erspäht. Begrünung war in dieser Siedlung schließlich nur bis zu einer Höhe von maximal neunzig Zentimetern erlaubt – und die Spitze von diesem Ding reichte locker bis zum Balkon des zweiten Stocks. Das Metall gleißte in der prallen Sonne.

Die Frau mit den laut klappenden Schuhen hieß Zimmermann, hatte sich die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug einen dunklen Hosenanzug. Um nicht von der Sonne geblendet zu werden, hielt sie den Kopf gesenkt. Sie hatte die Stirn gerunzelt, was möglicherweise auch am Licht lag, aber jedenfalls verlieh es ihr einen genervten, abweisenden Ausdruck – und nichts zog Kowalski so an, wie abweisende genervte Frauen. Er war chronischer Single.

»… Zwangsräumung«, schloss Frau Zimmermann ihre Ausführungen ab, kurz bevor sie den Garten mit dem vorschriftswidrig überhohen Ding erreicht hatten. Sie blieb mit soldatischer Abruptheit stehen. Von diesem Manöver überrascht, lief Kowalski zunächst noch einige Schritte weiter. Frau Zimmermann blieb stehen und sagte nichts, bis er merkte, dass es auf einmal so still war und das Klappern der Schuhe aufgehört hatte. Mit einem eingeübt verlegenen Lausbubengrinsen kam Kowalski zurück. Frau Zimmermann machte ein vielsagend anklagendes Gesicht und nickte zur Bekräftigung noch einmal in Richtung des handtuchgroßen Gärtchens unmittelbar vor ihrer spitzen, bleichen Nase. Kowalski nickte ernst und bestätigte das Offensichtliche. »Ja, ich seh‘ schon.«

Er sprach unwillkürlich etwas tiefer als gewöhnlich, um der abgenervten und deshalb für ihn ungemein attraktiven Frau Zimmermann mit sonorer Stimme zu signalisieren, dass sie sich bei ihm in besten Händen befand. Er würde das Kind schon schaukeln. Also bückte sich Kowalski möglichst schwungvoll nach der Klinke des niedrigen grünen Baumarkt-Gartentors. Es war verschlossen. Kowalski rüttelte daran. Dann fiel ihm ein, dass Frau Zimmermann ihn beobachtete (was sie aber eigentlich gar nicht tat; sie sah auf das Display ihres Smartphones), und er stieg – ebenfalls möglichst schwungvoll – über den Zaun und damit hinein in den vorschriftswidrig verwunschenen handtuchgroßen Streifen Garten.

Das spärlich sichtbare Gras war vergilbt und niedergetreten und die Buchsbaumhecke lechzte ebenfalls nach Wasser. Auf der Treppe zur Wohnung standen alte Blumenpötte mit ein paar traurigen Tomaten darin. Überall lagen Teppiche, Blechwannen, Schläuche, Kinderwagen und Werkzeug herum. Kowalski erspähte auch ein Beil und jede Menge Nägel. Das war ja lebensgefährlich!

»Hallo? Hallo, mein Name ist Kowalski, Stefan!«, rief Kowalski. »Kommen Sie doch mal runter da, ja? Bitte!«

Kowalski hatte sich gerade noch rechtzeitig daran erinnert, »bitte« zu sagen. Das hatte ihm irgend so eine Psychotante zuletzt im Rahmen einer Beurteilung geraten – bestimmt wieder so ein Scheiß, den sich irgendwelche Linken in ihrem Amtsstuben ausgedacht hatten. Also, den anderen Amtsstuben, nicht denen von Kowalski und Kollegen. Seine Worte waren an eine Frau gerichtet, die auf einer wackeligen alten Holzleiter stand, die wiederum kippelig an diesem vorschriftswidrig hohen Ding in ihrem Garten lehnte. Er sprach lauter, als er hätte müssen, denn so weit über ihm stand die Frau gar nicht. Tatsächlich hätte Kowalski nur die Hand ausstrecken müssen, um sie zu erreichen. Die offensichtlich unsichere Leiterkonstruktion machte ihn nervös. Er griff an den Holm, um die Leiter galant zu stabilisieren, befürchtete aber, damit gleich alles auf einmal umzuwerfen – die Leiter, die Frau und das vorschriftswidrig hohe Ding. Außerdem war das Holz so moosig.

Die Frau auf der Leiter stand im Gegenlicht. Kowalski musste blinzeln, während er ihren Blick auf sich ruhen fühlte. Dann stieg sie federnd von ihrer Leiter herunter und sagte lächelnd: »Schmied.«

Kowalski drehte sich fragend nach Frau Zimmermann um, die immer noch auf dem Gehweg in der prallen Sonne stand, weil ihr das niedrige grüne Baumarkttor unüberwindlich den Weg versperrte. »Äh … Entschuldigung, sind Sie nicht Frau Kovac?«, fragte er unsicher.
Die Frau nickte. »Ich bin Frau Kovac«, bestätigte sie, »und Kovac heißt Schmied, ebenso wie Kowalski.«
»Ah ja«, sagte Kowalski. »Ja, ja. Sagen Sie, Frau Kovac, was ist das hier?«
»Das ist meine Rakete«, erklärte Frau Kovac ganz ernst.

Kowalski trat einen Schritt zurück und blickte an der Rakete empor in den blauen Himmel. Sie bestand offensichtlich hauptsächlich aus verschweißten Metallfässern und war etwas krumm. »Ja, also, die dürfen Sie hier nicht so einfach aufstellen.«

Frau Kovac nickte.

»Stellen sich mal vor, die kippt um.«

Frau Kovac nickte.

»Außerdem haben Ihre Nachbarn über Ihnen jetzt eine … eine Rakete vor dem Balkon. Sie können denen doch nicht so einfach eine Rakete vor den Balkon stellen. Die nimmt doch das ganze Licht. Und so.«
Frau Kovac nickte. »Ich muss meine Rakete bauen«, sagte sie dann freundlich und wollte wieder auf die kippelige Leiter steigen.
»Ja, aber nicht hier!«, sagte Kowalski bestimmt. »Das geht so nicht!«
»Früher hatte ich eine eigene Werkstatt«, sagte Frau Kovac. »Aber jetzt nicht mehr. Ich muss meine Rakete hier bauen.«
»Sie können hier keine Rakete bauen!«, wiederholte Kowalski mühsam beherrscht. Er war einen Seitenblick auf die in der Sonne erstarrte Frau Zimmermann von der Wohnungsbaugesellschaft. »Stellen sich mal vor, das Ding fällt um und begräbt ein Kind unter sich, was dann los ist! Denken Sie doch auch mal an die Kinder!«
»Wo soll ich meine Rakete bauen?«, erkundigte sich Frau Kovac liebenswürdig.

Sie hatte warme braune Augen und weißes, leicht gewelltes Haar. Die Kleider, die sie trug, waren ihr zu weit. Mann, Alter!, dachte Kowalski. Jetzt checkst du echt schon Endfünfzigerinnen ab! Laut sagte Kowalski schnell: »Ja, nicht hier jedenfalls! Was mache Sie denn beruflich, Frau Kovac?«
Die Leute immer schön mit Namen ansprechen, hatte die Psychotante bei der Beurteilung gesagt.
»Künstlerin«, meldete sich Frau Zimmermann von jenseits des Gartenzauns zu Wort und Frau Kovac nickte bestätigend.
»Ach, dann ist das hier ein Kunstwerk?«, dämmerte es Kowalski.
»War mal ein Ausstellungsstück«, sagte Frau Kovac und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Nur ein Ausstellungsstück. Keine echte Rakete, die fliegt.«
Kowalski lachte. »Ja, nee, die fliegt nicht. Ist mir schon klar.«
»Ich muss meine Rakete bauen«, sagte Frau Kovac freundlich.

Kowalski seufzte. »Frau Kovac, können wir uns vielleicht mal drinnen in Ruhe unterhalten?«, bat er.
Frau Kovac zögerte. »Ja, gut«, sagte sie dann. »Möchten Sie denn vielleicht einen Tee?«
»Für mich nicht, danke!«, rief Kowalski hastig, während er sein Handy zückte und der weißhaarigen Frau zusah, wie sie langsam die Treppenstufen zu ihrer Wohnung hinauf ging. Er lächelte Frau Zimmermann entschuldigend zu, die auf den Gehwegplatten stand und mit ihrer rechten Hand ihr linkes Handgelenk umschlossen hielt. »Ja, hallo, Kowal… Stefan hier. Du, schickt ihr mir mal möglichst schnell einen vom Psychosozialen her, ja? … Ja, nee, was heißt gefährlich, aber normal ist halt definitiv anders.«

Kowalski musste sich erst halbwegs aufregen, bis sich die Kollegin endlich bereit erklärte, seiner Bitte nachzukommen. Als er das Gespräch beendete, drückte er besonders verärgert auf den Button. Dann fiel ihm Frau Zimmermann wieder ein. Er sah auf und da stand sie, zuckte die Schultern und fragte wortlos: »Wie jetzt?«
»Es kommt gleich jemand«, erklärte Kowalski linkisch. »Ich geh‘ dann mal rein. Ich ruf‘ Sie morgen an und sag‘ Ihnen Bescheid. Ihre Nummer hab‘ ich ja.«

Er blieb noch einen Moment stehen, unschlüssig, ob er sich und wie er sich verabschieden sollte.

»Gut, dann geh‘ ich mal«, sagte Frau Zimmermann schmallippig. »Ich hab‘ ja auch noch Termin.« Sie klackerte davon, die Mittagsruhe störend, und Kowalski ging mit einem mulmigen Gefühl an den bedauernswerten Tomaten vorbei in die Wohnung von Frau Kovac.

Er fand sie, auf der Kante eines Sessels sitzend, ein Glas Leitungswasser in beiden Händen haltend. Sie sah zum Fenster hinaus auf ihre Rakete, die sich leise im Wind wiegte. Da sie nichts sagte, als er eintrat, setzte sich Kowalski einfach ihr gegenüber aufs Sofa. »Viele Möbel haben Sie aber nicht«, stellte er möglichst unverfänglich fest.
»Das meiste habe ich beim A und V verkauft«, erwiderte Frau Kovac, ohne den Blick von der windwogenden Rakete zu nehmen.
»Frau Kovac, haben Sie Kinder?«, fragte Kowalski.
Frau Kovac schüttelte den Kopf. »Nein, keine Kinder.«
»Und Ihre Eltern?«
»Oh, die sind schon seit über zehn Jahren tot, beide.«
»Frau Kovac, also, die Wohnungsbaugesellschaft macht sich Sorgen. Sie haben Ihre Miete zuletzt nicht gezahlt.«

»Ich muss meine Rakete bauen«, murmelte Frau Kovac. Dann zuckte sie plötzlich, blinzelte und wandte sich Kowalski zu. »Ja, ich habe kein Geld mehr, wissen Sie. Ich bin ja Künstlerin. Früher habe ich ausgestellt, aber jetzt nicht mehr. Jetzt nicht mehr. Will keiner mehr sehen. Und mir fällt auch nichts mehr ein. Eigentlich will ich gar nicht mehr ausstellen. Ich will nur noch meine Rakete bauen und weg.«
»Wohin wollen Sie denn?«, fragte Kowalski, obwohl er wusste, dass er diese Frage bereuen würde.
»Wegfliegen«, erklärte Frau Kovac mit der allergrößten Selbstverständlichkeit.

Unbehagliches Schweigen legte sich über den leeren Raum. Kowalski hatte Mühe, sich nicht laut zu räuspern.

»Frau Kovac, Sie müssen sich Hilfe suchen!«, sagte er dann eindringlich. »Kommen Sie mal zu uns aufs Amt und dann sehen wir mal …«
»Da war ich«, unterbrach ihn Frau Kovac mit ihrer sanften Stimme. »Da war ich oft, wissen Sie. Sie war doch krank.«
»Wer war krank?«, fragte Kowalski verwirrt.

Als er keine Antwort bekam, folgte er dem Blick der weißhaarigen Frau. Auf einem Beistelltisch stand neben dem Telefon ein Foto. Es zeigte Frau Kovac Arm in Arm mit einer anderen Frau. »Sie war krank«, wiederholte Frau Kovac. »Ganz plötzlich. Es ist ganz schnell gegangen, ein halbes Jahr. Dann war sie tot. Ja, und ich, ich musste alles bezahlen. Die Miete, die Pflege und schließlich auch ihre Beerdigung, aber bekommen habe ich nichts. Ihre Rente, die fällt jetzt wieder zurück an die Versicherung. Wissen Sie, für das Sozialamt und die Krankenkasse waren wir ein Paar, aber für die Rentenkasse nicht und für das Finanzamt und das Standesamt auch nicht. Meine Krankenkasse berechnet mir einen Beitrag als Selbständige, der ist fast doppelt so hoch wie das, was ich meinem eigentlichen Verdienst nach zahlen müsste. Aber die sagen, wir waren eine Bedarfsgemeinschaft. Die dürfen das.«

Frau Kovac schüttelte leise den Kopf.

»Das tut mir sehr Leid«, versicherte Kowalski, ehe sich wieder unangenehme Stille ausbreiten konnte. Er hoffte inständig auf ein Vibrieren seines Smartphones oder ein Klingeln an der Tür, aber der psychosoziale Dienst kam und kam nicht. »Aber diese Rakete, Frau Kovac, die muss nun mal weg. Also, da beißt die Maus kein Faden ab. Die muss weg!«
»Ja, und wo soll ich dann hin?«, fragte Frau Kovac.
»Es geht um die Rakete!«, betonte Kowalski, ein Augenrollen unterdrückend. »Die muss weg! Nicht Sie. Sie doch nicht.«

Frau Kovac schwieg und Kowalski atmete auf, als sie wieder aus dem Fenster sah.

»Ich muss die Rakete fertig bauen«, sagte Frau Kovac seufzend, als habe sie alle anderen Alternative noch einmal überdacht. »Sonst komme ich nicht weg. Ich habe doch kein Geld. Außerdem, wo soll ich denn hin? Menschen gibt es überall.«

Kowalski kniff die Lippen zusammen. Er beschloss, einfach gar nichts mehr zu sagen. Er würde einfach sitzen bleiben, auf diesem Sofa, bis der Psychosoziale Dienst kam. Dann hatten die das Problem. Er war dafür schließlich nicht geschult.

»Wir haben immer Witze gemacht. Wenn es wieder schlimmer wird, würden wir einfach mit unserer Rakete wegfliegen, bis wir irgendwo einen Planeten mit intelligentem Leben finden, wo wir in Frieden leben können«, erzählte Frau Kovac derweil. »Wissen Sie, ich habe immer gern hier gelebt. Meine Eltern, die hatten Zeit ihres Lebens Heimweh, aber ich bin hier geboren und war immer sehr dankbar dafür, ich wollte nie weg. Nie.«

Kowalski schwieg eisern und fixierte irgend einen Fleck an der Wand hinter Frau Kovac.

»Während des Balkankriegs war ich besonders froh«, sagte Frau Kovac. Wieder seufzte sie. »Die Zeiten haben sich geändert. Schauen Sie nach Russland, schauen Sie nach Ungarn. Die Uhren laufen rückwärts.«

»Na jaaa!«, protestierte Kowalski nun doch, weil er nicht mehr an sich halten konnte. »Ich meine, hier ist ja nun nicht Russland und auch nicht Ungarn.«
Frau Kovac lächelte, müde und traurig. »Sehen Sie«, sagte sie. »Ich muss die Rakete fertig bauen.«

Dann klingelte es an der Tür.

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