Schlechte Übersetzungen als Witz: Die Verlage freut es trotzdem

Die Rechnung geht auf

Übersetzungen sind wie Schiedsrichterleistungen. Richtig gut sind sie nur, wenn sie nicht auffallen. Aber so, wie es überall auf der Welt gerade irgendein Fußballspiel mit irgendeinem Schiedsrichter gibt, der einen schlechten Tag hat, gibt es ob der schieren Masse auch immer irgendwo eine miserable Übersetzung, die man durch den Kakao ziehen kann. Von Zuschauern mit dem Handy gefilmt, landet der Schiedsrichter mit seinem Lapsus anschließend auf Youtube; schlechte Übersetzungen landen in Klickstrecken oder Comedyshows. Dabei greift schlicht das Prinzip, wonach sich schlechte Nachrichten besser verkaufen als gute. Ungerecht wird es jedoch spätestens dann, wenn der Anschein erweckt wird, die Ausnahme sei die Regel.

Denn die meisten Schiedsrichter pfeifen gut und die meisten Übersetzer übersetzen gut. Aber Aufmerksamkeit bekommen hüben wie drüben in der Regel nur die Fehlleistungen – und in Bezug aufs Übersetzen obendrein nur die, die auch ohne großes sprachliches Wissen jeder bemerkt oder wenigstens nachvollziehen kann, wenn er mit der Nase darauf gestoßen wird. Das, was an Übersetzungsfehlern (zuletzt beispielsweise im Zusammenhang mit der Biografie von Steve Jobs) in einer breiteren Öffentlichkeit Widerhall findet, sind die ganz krassen Fehler, die mithin auch Laien auffallen. Dadurch entsteht im Umkehrschluss jedoch vielerorts der verheerende Eindruck, Übersetzen erfordere keine besondere Qualifikation.

Das verfängt aber nur, wenn man ein weiteres in unserer Gesellschaft inzwischen stark verbreitetes Prinzip verfolgt: das Relativitätsprinzip. Natürlich erfordert es im Zweifelsfall keine sonderliche Qualifikation, eine im Verhältnis zu einer völlig misslungenen Übersetzung bessere Übersetzung anzufertigen. Aber »besser als völlig misslungen« ist eben noch lange nicht gut.

Das ständige Kaprizieren auf extrem Schlechtes (samt der oben beschriebenen unzulässigen Ableitung) ist auch in anderen Bereichen zu beobachten, etwa in den »Doku-Soaps« genannten Formaten vornehmlich des privaten Lügenfernsehens. Auch darin werden Negativbeispiele gezeigt, auf dass sich die geneigten Betrachter sagen können: Mein Leben mag ja nicht perfekt sein, aber so schlimm wie das da ist es nicht.

Der Witz in Tüten freilich ist, dass das inzwischen hinlänglich bekannt ist, die Sender und Produktionsfirmen aber immer noch Geld damit scheffeln. Es ist bekannt, dass getürkt, inszeniert und verbogen wird, was das Zeug hält, aber die Leute gucken den Scheiß trotzdem. Und genau so verhält es sich letztlich auch mit schlechten Übersetzungen. Die deutsche Fassung der Jobs-Biografie beispielsweise wird häufig und heftig kritisiert. Trotzdem führt sie die Bestsellerlisten an, trotzdem bekommt sie etwa bei Amazon fünf von fünf Sternen. Es ist erstaunlich, mit wie wenig sich Kunden zufrieden geben und wie anspruchslos sie sind.

Das Problem ist also, dass die Rechnung der Verlage – noch zumindest – trotz schlechter Übersetzungen aufgeht. Selbst die steigende Anzahl genervter Leser, die sich englische Bücher gleich im Original kaufen, ändert ja nichts. Im Falle der Jobs-Biografie etwa fließt das Geld letztlich so oder so an Ramdom House.

Das einzige, was mir als Übersetzer in dieser Hinsicht wenigstens noch ein bisschen Hoffnung macht, ist die Marktmacht der Kunden. Sobald sich deren Unmut einmal in miesen Verkaufszahlen niederschlägt, sobald sie auf einem mängelfreien Produkt bestehen und sobald sie sich von der unseligen Mentalität frei machen, wonach man an die Übersetzung von Belletristik ohnehin keine Ansprüche stellen darf, werden sie auch bessere Übersetzungen bekommen.

Die Kundenrezensionen auf Amazon.de sind da hoffentlich erst der Anfang. In jedem Fall stehen sie im krassen Widerspruch zum dort ebenfalls angeführten Pressespiegel. Der ist nämlich ganz offensichtlich interessensgeleitet. Ohne die Rezensionen enttäuschter Leser ergäbe sich ein völlig anderes, ein falsches Bild.

Die selben Medien, die die Biografie zuvor völlig unkritisch bejubelt haben, springen jetzt noch einmal auf den Zug auf, um für sich Aufmerksamkeit und Klicks zu generieren. Das führt ziemlich sicher zu ein paar mehr verkauften Biografien und Apple-Produkten und mehr Werbeeinnahmen für die betreffenden Medien. (Das Leuchtfeuer der Pressefreiheit aus dem Springer-Verlag beispielsweise verbreitet die Pressemitteilung des BDÜ bezeichnenderweise in der Rubrik »Digital/iPhone«). Den Verbänden bzw. Verbandsfunktionären, die den Stein ins Rollen gebracht haben, bringt es vielleicht ihre 15 Minuten Ruhm. Nur zu einem wird es nicht führen: zu besseren Übersetzungen.

Die Übersetzungsfehler in der Jobs-Biografie werden so nämlich mal wieder nur über die Witz-Schiene ausgeschlachtet. Nichts anderes passiert in regelmäßigen Abständen auch mit den größtenteils immer gleichen Bildchen von Übersetzungsfehler dokumentierenden Schildern und Speisekarten. Zu billigen Büchlein oder Klickstrecken verwurstet, transportiert das die Botschaft: Übersetzungsfehler sind a) lustig und b) kann man damit sogar noch Geld verdienen. Nach dem Doku-Soap-Prinzip wird schadenfroh mit dem Finger auf irgendwelche vermeintlichen Versager gezeigt und alle, die ohnehin schon der Meinung sind »Englisch kann ja jeder« und folglich auch »Übersetzen kann ja jeder«, fühlen sich bestätigt. Englisch-Nieten jeden Alters und Berufsstands können sich zufrieden zurücklehnen und darauf verweisen, solche Böcke wie die in der Übersetzung der Jobs-Biografie würden nicht mal sie schießen.

Nein, so ändert sich nichts. Besser wird es erst werden, wenn die Kunden anfangen, mit den Füßen abzustimmen.

Lesefortschritt:

3 Antworten

  1. Gut gebrüllt, Löwe!

    I have a dream:

    einige Übersetzer mit dem richtigen Fachgebiet nehmen sich – natürlich ehrenamtlich – die Jobs-Biografie vor und erstellen eine richtig gute Übersetzung. Leider dürften sie die nicht veröffentlichen, leider würde der Verlag sie vermutlich nicht kaufen *seufz*. Aber als Positivbeispiel wäre es trotzdem schön.

    1. Leider (?) habe ich die Jobs-Biografie bisher noch nicht gelesen, entnehme aber dem Beitrag hier, dass man lieber das Original lesen solle?
      Mit Übersetzungen ist es so eine Sache. Gib die Jobs-Biografie an 10 Übersetzer und du erhältst im besten Fall 10 supergute, sprachlich ausgefeilte Übersetzungen, die aber aufgrund von sprachlichen Vorlieben anders klingen, aber trotzdem allesamt hervorragend sind. Wenn jedoch das Fundament, das Verständnis für den Text, nicht da ist, ist eine wirklich schlechte Übersetzung.

  2. Vor einiger Zeit wurde firmenintern ein Interview mit dem internationalen Management untertitelt. Als geprüfte Übersetzerin für Englisch/Deutsch schaute ich mir zunächst nur die englische Originalversion an. Beim Kaffee am nächsten Morgen juckte es mich dann sozusagen in meinem Mausfinger und ich klickte die Version mit den deutschen Untertiteln an. Dass ich nicht beinahe den Kaffee über die Tastatur geprustet hätte, war alles! Sowas Schlechtes habe ich selten gesehen. Ich schrieb eine PN an den Verfasser des Videobeitrages und beschwerte mich höflich über die schlechte Qualität der Untertitel. Zu meiner Überraschung erhielt ich eine Einladung zu einem Teams-Meeting, um über die Angelegenheit zu sprechen. Na, immerhin. Das alles passierte firmenintern. Das Teams-Meeting mit dem Zuständigen von der PR-Abteilung war freundlich, aber man verstand meine Einwände und meinen Anspruch an eine korrektive Übersetzung *nicht*. Es stellte sich heraus, dass die Untertitel von einem Werksstudenten mit DeepL erstellt worden waren, da „es schnell gehen musste“. DeepL hin oder her, aber, so meine Argumentation, man hätte doch wenigstens das von DeepL Übersetzte auf Sinnhaftigkeit prüfen können. Ach, wissen Sie, für interne Zwecke reicht das doch, war die lapidare Antwort, und ich protestierte erneut und wies daraufhin, dass auch interne Übersetzungen in der jeweiligen Landessprache korrekt sein sollten. Leider wurde ich mit dem Hinweis auf die Dringlichkeit der Übersetzung abgespeist und es wurde mir versichert, dass „wichtige“ und externe Texte natürlich von einen Fachbüro übersetzt würden. Man war übrigens überrascht, im Unternehmen eine geprüfte Übersetzerin wie mich zu haben und würde gerne in Zukunft auf mich zurückgreifen. Ähm, nein danke, mein Qualitätsanspruch lässt das leider nicht zu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert