»Verschwörung« von David Lagercrantz: Ohne starke Lisbeth Salander geht der Millenium-Reihe die Luft aus

Es ist schade um Lisbeth Salander

Natürlich sind Figuren und Geschichte in einem Roman letztlich nicht zu trennen. Aber die beste Story taugt nichts ohne gute Figuren, wohingegen starke Charaktere auch eine mittelprächtige Handlung noch retten können. Das zeigt sich im Positiven wie im Negativen ganz deutlich an Stieg Larssons Millenium-Trilogie und deren Fortsetzung Verschwörung von David Lagercrantz.

Ich kann für mich ziemlich genau erklären, warum ich Stieg Larssons Millenium-Trilogie so eifrig gelesen habe: Ich mochte Lisbeth Salander und wollte wissen, wie ihre Geschichte ausgeht. Klar, auch die Rahmenhandlung hatte was. Die obskuren Botschaften an einen netten älteren Herrn, die Ermittlungen in einem lange zurückliegenden Verbrechen, die Düsternis schwedischer Einöde im Winter, die wenig liebenswerte Industriellenfamilie mit ihren unterschiedlichen Mitgliedern und das alles verwoben mit kleinen Lehrstücken über Computerhacking, höhere Mathematik, Rechtsextremismus in Schweden und Gewalt gegen Frauen.

Es ist aller Ehren wert, eine solch komplexe Geschichte zu konstruieren, die zudem zumindest im ersten Band auch noch einen unerwarteten Ausgang hat.

Aber Larssons Millenium-Dreibänder hat auch unbestreitbare logische und stilistische Schwächen. Sie sind so augenfällig, dass sie sogar Eingang in den entsprechenden deutschen Wikipedia-Eintrag gefunden haben. Schauderhaftes Product Placement kommt hinzu. Und im Kern ist und bleibt Verblendung letztlich eine Serienkiller-Story mit geschickter Verkleidung und allerlei Nebelkerzen.

Was die Geschichte zu etwas Besonderem macht, ist folglich nicht die Handlung. Das ist auch kaum möglich, denn den Krimi neu erfinden konnte Larsson schwerlich. Wie Agatha Christie in Alibi (The Murder of Roger Ackroyd) mal eben im Handstreich die Regeln des Genres aushebeln, wäre heute wohl kaum mehr möglich. Bleiben also noch die Figuren – oder genauer gesagt: die eine Figur.

Denn es ist nicht Mikael Blomkvist, dessentwegen man die Bücher liest. Blomkvist ist auch nach jetzt vier Büchern keine sonderlich ausgearbeitete Figur sondern lediglich Larssons Wunschvorstellung von sich selbst – ein bekannter, angesehener und absolut unbestechlicher Journalist einerseits und ein Lebemann und Frauenheld andererseits. Alles, was Blomkvist an »Defiziten« hat, wirkt als habe Larsson es ihm pro forma angedichtet, damit die Figur nicht offensichtlich perfekt ist.

Ganz anders Lisbeth Salander: Arm und ausgegrenzt, ist sie aggressiv, unhöflich und verletzend und dabei doch so eigenständig, begabt und stark, dass niemand ihr wegen ihres verstörenden Verhaltens an den Karren fahren kann. Salander ist eine Figur, um die man im realen Leben einen möglichst großen Bogen machen würde, die man im Buch oder auf der Leinwand jedoch liebt.

Der Grund dafür ist einfach: Lisbeth Salander ist eine tätowierte Hofnärrin des Punks und als solche darf sie jedem ungestraft die Wahrheit ins Gesicht sagen. Sie muss sich nicht um Etikette und Konventionen kümmern. Sie kann tun und lassen, was sie will. Und darum beneidet sie letztlich jede Leserin und jeder Leser (zumal der hohe Preis, den Salander zahlen musste, um so zu werden, vermutlich geflissentlich ausgeblendet wird).

Stieg Larsson blättert die Vergangenheit von Lisbeth Salander in der Millenium-Trilogie nach und nach so auf, dass man die Figur mit all ihren Ecken, Kanten und Abgründen kennen und akzeptieren lernt. Dabei erliegt er dankenswerterweise auch nicht der Versuchung, Salander mit der Zeit (womöglich noch durch den männlichen Einfluss Blomkvists) notwendigerweise sanfter und zugänglicher zu machen.

Trotzdem begeht Larsson den für meine Begriffe schon unverzeihlichen Fehler und zerschießt sich seine Protagonistin komplett. Er hat eine einzige Figur mit Tiefe, eine einzige Figur mit einer Geschichte, einem Background – und macht sie sich kaputt.

Spätestens als sich Lisbeth Salander trotz Schusswunde im Kopf mit einem Zigarettenetui aus ihrem eigenen Grab buddelt, ist es um sie geschehen. Lisbeth lebt, aber die Figur ist trotzdem tot. Salander wird reich. Sie wird unangreifbar, unbesiegbar. Sie kann im Alleingang alles Übel dieser Welt beseitigen. In seinem tiefen Sehnen nach einer gerechten Welt hat Larsson aus einer menschlichen Figur eine übermenschliche gemacht.

Natürlich müssen sich Figuren entwickeln. Doch Stieg Larsson schießt übers Ziel hinaus. Er macht aus Lisbeth Salander im Hauruckverfahren eine Superspionin und Verkleidungskünstlerin und nimmt so seiner tragenden Figur beinahe jeglichen Reiz. Es ist schlicht nicht spannend, der Geschichte einer Unfehlbaren zu folgen, für die es ohnehin nie brenzlig wird.

Schon in den ersten drei Bänden gleitet die Millenium-Reihe also zusehends ab in Richtung Dan Brown mit seinen routiniert, aber lieblos zusammengekleisterten Verschwörungsversatzstücken. Lisbeth Salander ist am Ende von einer ursprünglich schwierigen zu einer allenfalls noch kauzigen, aber im Großen und Ganzen manierlichen und angepassten Person geworden. Sogar die Brüste lässt sie sich vergrößern.

Um die Serie fortsetzen zu können, hätte es daher einer profunden Wendung, vielleicht sogar eines gewissen Neuanfangs bedurft. Doch beides bleibt aus. Larsson arbeitet auch im vierten, von David Lagercrantz fertiggestellten Band stumpf seine Agenda ab, die da heißt: Hinter allem und jedem steckt am Ende der böse Teil von Lisbeth Salanders Familie (ungefähr so also, wie Florian Silbereisen hinter 9/11 steckt).

Auch das neue Salander/Blomkvist-Buch ist dabei durchaus kurzweilig. Und auch das vierte Buch punktet mit guter Recherche zu diversen Themen – wenngleich man für meine Begriffe streckenweise deutlich herausliest, dass »etwas recherchiert haben« bisweilen etwas anderes ist als »etwas verstanden haben« oder »sich mit etwas auskennen«.

Handwerklich ist die Geschichte insofern gut gemacht, als es verschiedene an unterschiedlichen Punkten und auf unterschiedlichen Ebenen ermittelnde Parteien gibt, über die (zunächst) nur die Leser den Überblick haben. Dadurch haben sie immer einen Wissensvorsprung gegenüber den gerade aktuellen Protagonisten, aber trotzdem nicht den Durchblick. Und dass man auf diese Weise ganz wunderbar an der jeweils spannendsten Stelle von Gruppe zu Gruppe springen kann, versteht sich von selbst. (Stephen King exerziert das in Es in einer Perfektion durch, dass es schon ärgerlich ist – ein ganz simpler technischer Kniff, aber man kann sich der Wirkung nicht entziehen.)

Schwach hingegen ist, dass diverse »Actionszenen« im Buch nur von Augenzeugen oder in der Rückschau geschildert werden – oder gleich beides zusammen, denn immer wieder gibt es Redundanzen, werden Begebenheiten erst beschrieben und dann noch einmal aus Polizeiprotokollen zitiert oder aus dem Blickwinkel Dritter (und Vierter und Fünfter …) wiedergegeben.

Zudem muss ich sagen, in der vierten Geschichte haben sich Larssons Botschaften (»Jeder hat eine Leiche im Keller!«, »Du kannst niemandem vertrauen!«, »Alle staatlichen Kinderbetreuungsstellen sind unfähig und alle dort beschäftigten Personen eitle und übergriffige Wichte!«) endgültig totgelaufen. Allein schon, weil es seitenweise plump in die Geschichte hineingequetschte Exkurse über journalistische Ethik gibt, empfinde ich die oft mangelnde Ausgewogenheit als ziemlich bigott.

Auch sonst ändert sich (zu) wenig. Es ist die vierte Geschichte mit Lisbeth Salander als unschlagbarer Überfrau, die wie ein weiblicher Rambo ihre eigenen Schusswunden selbst versorgt und danach nichts weiter benötigt als Whisky, etwas Schlaf und drei Antibiotikatabletten, um im Handumdrehen wieder so fit zu sein, dass sie zwei Auftragskiller mit Maschinengewehren besiegen und entkommen kann, während sie ein Kind auf dem Arm trägt.

Es ist die vierte Geschichte, in der Lisbeth Salander als weiblicher Bruce Wayne mit viel Geld alles regelt. Ihr persönliches Bat-Signal schickt ihr Blomkvist in Form kryptischer Fragen, die Salander liest, wenn sie sich mal wieder in seinen Computer hackt. Prompt ist sie zur Stelle, um einer alleinerziehenden Mutter beim Untertauchen zu helfen und dem autistischen Sohn die Spezialtherapie zu finanzieren. Und nie gibt es Rückschläge, immer ziehen alle mit. Selbst der traumatisierte autistische Junge gehorcht. Mehr noch: Er fängt sogar an zu sprechen. Es ist der reinste Kitsch.

Außerdem ist es eine Geschichte, in der irgendwie alle Leute perfekt erzählen können, wenn es drauf ankommt. Lisbeths ehemaliger Vormund gibt dramaturgisch erstklassig Begebenheiten zwischen Lisbeth und ihrer Schwester Camilla wieder, die ihm selbst nur berichtet worden sind – anschaulich, ausgeschmückt, spannend, detailgenau, als passiere es genau in diesem Moment und er sehe dabei zu. Kein Mensch redet so; am allerwenigsten, wenn er a) mehrere Schlaganfälle hatte, b) es lange her ist, c) er nicht dabei war sondern ihm d) selbst alles nur von einer maulfaulen, verstockten Person erzählt wurde.

Ebenso kann sich eine ehemalige Pflegemutter nicht nur an alle Einzelheiten der Zeit mit Lisbeths Schwester Camilla erinnern (was sich ja noch mit der permanenten Beschäftigung mit einem erlittenen Trauma erklären ließe), sie kann auch alles erklären, analysieren, beantworten.

Der größte Schwachpunkt ist für mich jedoch, dass die Geschichte (endgültig) esoterisch wird. Lisbeth wird unverhohlen zur Inkarnation der Marvel-Comicfigur Wasp (und ihre Gegenspieler nennen sich nach Wasps Feinden). Camilla ist wie im Märchen die böse Schwester und Hexe. Wo Lisbeths Fähigkeiten wissenschaftlich sind, sind die von Camilla nachgerade okkult, dämonisch, intuitiv böse.

Es entstehen zwei Extreme: Hier der unkonventionell und schroff aber zugleich doch rational gut handelnde Mensch Lisbeth, dort die betörende, ihre dunklen Triebe hemmungslos auslebende, instinktgetriebene Camilla als Klischee der Sex, Manipulation und Intrigen als Waffe einsetzenden Frau.

Nun würde es nicht einer gewissen Konsequenz und Logik entbehren, Lisbeth eine ebenbürtige Gegnerin gegenüber zu stellen, die noch dazu in gewisser Weise ihr Spiegel- oder Zerrbild ist. Nur ist Camilla leider nicht wirklich Lisbeths Kryptonit, weil sie zu keinem Zeitpunkt in die Verlegenheit kommt, die Oberhand zu gewinnen.

So versagen Camillas Verführungskünste beispielsweise ausgerechnet bei Blomkvist, der es ansonsten ja ziemlich locker nimmt. Stattdessen sucht sie sich den jungschen, romantischen, netten Reporterkollegen Andrei Zander als Opfer, von dem von Anfang an klar ist, dass ihn Larsson nur in die Geschichte einführt, damit er von den Bösen grausam ermordet werden kann. Und damit auch dem Letzten klar ist, was für ein Lieber dieser Andrei Zander doch ist, bedient sich Larsson munter des Holzhammers: Waise mit Migrationshintergrund, traumatische frühkindliche Erinnerungen an den Balkankrieg, schreckhaft, unsicher, Helfersyndrom, zu Blomkvist aufschauend.

All das erzählt Larsson nicht im Laufe der Geschichte nach und nach sondern er prügelt es geballt in wenige Seiten klumpige Personenbeschreibung – und auch das gleich mehrfach, damit auch niemandem die Botschaft entgeht. Kurz, die Figur des Andrei Zander ist offensichtlich rein funktional. Sie tritt auf, um abzutreten. Ihr Weg ist vorgezeichnet. Und wieder wird es nicht spannend.

An sich finde ich die Idee einer Psychopathin wie Camilla, die so kalt und durchgeknallt ist, dass sich selbst hartgesottene Gangster-Machos vor ihr in die Hose machen, ja gut und ausgesprochen »gleichberechtigt«. Aber just das ist es nicht, was Larsson und Lagercrantz in Verschwörung transportieren.

Im Gegenteil: Die zuvor noch in jeder Hinsicht körperliche, impulsive Lisbeth ist jetzt vergeistigt, enthaltsam und fleißig. Ihr böser Zwilling Camilla hingegen ist ausgesprochen fleischlich. Ihre Fähigkeiten werden in den Bereich des, wie es im Roman mehrfach heißt, »nicht Greifbaren« und damit Übersinnlichen gerückt.

Kurz gesagt ist Camilla also eine altmodische, wenn nicht gar reaktionäre Figur. Sie ist eine sich ihren Gefühlen hingebende Teufelin, die Männern den Kopf verdreht und den Verstand raubt. Dieses abgedroschene Bild von gutem Racheengel hier und böser Hexe dort finde ich – zumal für einen »Altlinken« wie Stieg Larsson, dessen großes Thema ja eigentlich auch Frauenrechte sind – extrem altbacken.

So bleibt als Fazit, dass Verschwörung ein Roman ist, in dem sich das Falsche ändert und ansonsten wenig entwickelt. In der von David Lagercrantz vollendeten Geschichte beweihräuchert sich Millenium-Schöpfer Larsson wie gehabt munter selbst, während er auf 600 Seiten eine weitere Story mit abstruser Action à la Stirb langsam einerseits und paranoidem Misstrauen gegenüber Staat und Unternehmen andererseits zum Besten gibt.

Lisbeth Salander bleibt darin nur eine merkwürdig farblose Rolle als makelloses Gegenstück zu ihrem bösen Zwilling. Ohne sie als starke Figur aber wird offenkundig, dass Verblendung nicht mehr ist als eine ziemlich oberlehrerhaft vorgetragene Verschwörungsgeschichte von der Stange.

Da Camilla jedoch noch nicht zur Strecke gebracht ist, steht zu befürchten, dass die Millenium-Reihe weiter fortgesetzt wird, obwohl die Luft endgültig raus ist.

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